
Wenn Führung das System nicht mehr versteht
Eine Langzeitbeobachtung aus über drei Jahrzehnten IT-Praxis

Viele dieser Muster sind positiv. Eines jedoch ist über Jahrzehnte hinweg erschreckend konstant – und zunehmend zerstörerisch:
Ein großer Teil der IT-Entscheidungen wird heute von Menschen getroffen,
die keine fachlichen Wurzeln in der IT haben.
Das ist kein persönlicher Vorwurf. Die meisten dieser Führungskräfte handeln nach bestem Wissen und mit ehrlicher Absicht. Das Problem ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles.
Die Illusion der Austauschbarkeit
Das Kernproblem liegt in einer folgenschweren Fehleinschätzung:IT-Spezialisten werden wie austauschbare Arbeitskräfte behandelt.
Nach dem Muster:
Es gibt einen Plan – und wer ihn umsetzt, ist zweitrangig.
Dieses Denken mag in standardisierten Tätigkeiten funktionieren.
In hochkomplexer Wissensarbeit funktioniert es nicht.
Softwareentwicklung, IT-Architektur und Systembetrieb sind keine Fließbandprozesse.
Ein erfahrener Spezialist ist nicht durch zwei oder drei Junioren ersetzbar.
Wissen skaliert nicht linear. Erfahrung schon gar nicht.
Wer das ignoriert, baut Systeme auf, die kurzfristig stabil wirken – und langfristig teuer kollabieren.
Fünf Symptome fachfremder IT-Führung
Über viele Jahre hinweg zeigen sich immer wieder dieselben Muster, unabhängig von Branche oder Unternehmensgröße.1. Der Headcount-Irrtum
Erfahrene Spezialisten sind teuer. Und sie sind unbequem, weil sie widersprechen, wenn Anforderungen technisch unsinnig sind.Die scheinbar rationale Lösung:
Der Senior geht – drei Junioren kommen.
Auf dem Organigramm wächst das Team.
In der Realität sinken Wissensdichte und Produktivität.
Technische Schulden entstehen, die erst Jahre später sichtbar werden – dann aber mit voller Wucht.
2. Aufgabenverteilung ohne Fachlogik
Fehlt technisches Verständnis, werden Aufgaben nach Verfügbarkeit verteilt, nicht nach Kompetenz.Der Datenbankexperte arbeitet am Frontend, der Architekt schließt Tickets.
Das ist, als würde man im Krankenhaus den Anästhesisten bitten, schnell den Blinddarm zu operieren – beides sind ja Ärzte.
3. Autorität als Schutzschild
Wer nicht versteht, was im eigenen Verantwortungsbereich geschieht, fühlt sich unsicher.Diese Unsicherheit äußert sich häufig in einem instabilen Führungsstil:
mal autoritär („Wir machen das jetzt so.“),
mal überzogen kameradschaftlich („Wir sitzen doch alle im selben Boot.“).
Beides verhindert fachliche Diskussion.
Und wo nicht diskutiert werden darf, kann ein System nicht lernen.
4. Wenn Dashboards die Realität ersetzen
Was in Jira-Reports und PowerPoint-Folien steht, ist steuerbar und präsentierbar.Was Admins in Logs sehen oder erfahrene Entwickler beiläufig ansprechen, ist es nicht.
Also wird die Karte mit dem Gebiet verwechselt.
Und Warnsignale werden erst ernst genommen, wenn sie teuer geworden sind.
5. Das Schweigen der Fachleute
Das vielleicht gravierendste Symptom: Die Teams wissen es – und schweigen.Wer seinen Vorgesetzten fachlich korrigiert, gefährdet die eigene Karriere.
Also wird genickt, umgesetzt und später extern repariert.
Das System bestraft Wahrheit und belohnt Anpassung.
Ein Blick zurück: Warum Führung früher anders gedacht wurde
Ich habe in der DDR Informatik und Elektrotechnik studiert. Neben der reinen Technik gehörten Arbeitsrecht, Arbeitsschutz, Mitarbeiterführung, Projekt- und Ressourcenplanung verpflichtend zur Ausbildung. Nach dem Studium folgte eine gezielte Weiterbildung zum Abteilungsleiter.Ja, es gab ideologische Pflichtfächer. Aber gerade dort geschah etwas Entscheidendes:
Man musste sich mit geschlossenen Denkmodellen auseinandersetzen, ihre Logik verstehen – und ihre Widersprüche erkennen.
Diese Ausbildung zielte nicht auf Fachidioten.
Sie zielte auf Verantwortungsträger.
Nicht um zu gehorchen, sondern um Systeme zu verstehen – und notfalls infrage zu stellen.
Dass der gesellschaftliche Umbruch in der DDR maßgeblich von genau dieser Generation getragen wurde, ist kein Zufall. Der Samen kritischen Denkens war längst gelegt.
Das heutige Missverständnis von IT-Führung
Heute wird IT-Führung oft auf drei Dinge reduziert:- Budgetverwaltung
- Personalorganisation
- Statusberichte
Eine IT-Führungskraft muss nicht den besten Code schreiben.
Aber sie muss verstehen,
- was guter Code ist,
- warum komplexe Systeme Zeit brauchen,
- und warum Denken manchmal produktiver ist als hektische Aktivität.
Ein Wort an Führungskräfte, die nicht aus der IT kommen
Dieser Text richtet sich ausdrücklich auch an Führungskräfte,die ihren Weg nicht über die IT genommen haben.
Das ist kein Makel. Viele erfolgreiche Organisationen wurden von Menschen geführt,
die nicht jedes Detail selbst beherrschten.
Entscheidend ist etwas anderes:
Ob man akzeptiert, dass man ein System führt, das man nicht intuitiv versteht.
IT ist kein Fachgebiet wie andere.
Sie ist ein hochgradig vernetztes, nicht-lineares System,
in dem kleine Fehlentscheidungen große Wirkungen entfalten können – oft zeitverzögert.
Wer IT führt, ohne sie fachlich einordnen zu können, steht vor einer Wahl:
- Entweder man ersetzt Verständnis durch Kontrolle, Prozesse und Kennzahlen
- oder man schafft bewusst Räume, in denen fachliche Wahrheit gesagt werden darf – auch dann, wenn sie unbequem ist
Aber sie bedeutet, zu erkennen, wo eigenes Wissen endet
und wem man dort zuhören muss.
Erfahrene Spezialisten sind kein Risiko für Autorität.
Sie sind ein Frühwarnsystem.
Wer ihre Einwände nicht als Störung, sondern als Signal begreift,
führt nicht schwächer – sondern professioneller.
Dieser Text ist keine Anklage.
Er ist eine Einladung zur Selbstprüfung:
Habe ich ein System geschaffen, das mir sagt, was ich hören will –
oder eines, das mir sagt, was ich wissen muss?
Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über Projekte.
Sie entscheidet über die Zukunftsfähigkeit ganzer Organisationen.
Ein leiser persönlicher Schluss
Ich schreibe diesen Text nicht, um Recht zu behalten.Und auch nicht, um jemanden bloßzustellen.
Ich schreibe ihn, weil Systeme nur dann eine Chance haben, sich zu korrigieren, wenn ihre blinden Flecken benannt werden – ruhig, sachlich und ohne Schuldzuweisung.
Vielleicht wirkt dieser Text heute unbequem.
In zwanzig Jahren wird er entweder selbstverständlich sein, oder man wird sich fragen, warum man die Warnsignale so lange übersehen hat.
Ein letzter Gedanke
Vielleicht liegt das eigentliche Problem unserer Zeit nicht darin, dass wir die falschen Ziele verfolgen.Sondern darin, dass wir verlernt haben, zwischen Sache und Ideologie zu unterscheiden.
Eine Sache erkennt man daran, dass sie Widerspruch aushält, sich an der Realität messen lässt und bereit ist, aus Fehlern zu lernen. Ideologie beginnt dort, wo Kritik als Störung gilt und gute Absichten wichtiger werden als ihre tatsächliche Wirkung.
Organisationen – ob staatlich oder privat – bleiben nur dann handlungsfähig, wenn Wahrheit höher bewertet wird als persönliche Absicherung und fachlicher Widerspruch nicht als Illoyalität, sondern als Verantwortung verstanden wird.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Führungsaufgabe der Zukunft:
nicht alles besser zu wissen, sondern den Mut zu haben, die richtigen Fragen zuzulassen – auch dann, wenn sie unbequem sind.
Kein Vertrieb.
Kein Marketing.
Ingenieur.
Wenn Sie eine fachlich saubere Zweitmeinung brauchen:
📞 +49 30 8687094010
✉️ uwe.richter@it-e-com.de
Ich sage Ihnen auch ehrlich, wenn kein Handlungsbedarf besteht.
Kein Marketing.
Ingenieur.
Wenn Sie eine fachlich saubere Zweitmeinung brauchen:
📞 +49 30 8687094010
✉️ uwe.richter@it-e-com.de
Ich sage Ihnen auch ehrlich, wenn kein Handlungsbedarf besteht.

Copyright Ingenieurbüro 4WT, 4wt-it.com
Alle Artikel zum Thema: Unternehmensführung
- Die Rückkehr des Realismus: Warum Ihr Unternehmen in der Krise keinen „Berater“, sondern einen System-Architekten braucht.
- Wo in Krisen wirklich Mehrwert entsteht – und warum Unternehmen ihn systematisch falsch einsetzen.
- ISO 27001 ist kein Schutzschild gegen Realitätsverlust
- Wenn Warnungen als Eigeninteresse vom Management abgetan werden.
- Warum Geschäftsführer Frühwarnsignale ignorieren – und Unternehmen dafür bezahlen
- Strategie ohne Statik ist nur Papier: Warum Enterprise-Ingenieure besser in der Unternehmensberatung sind.
- Warum Ingenieure oft die besseren Unternehmensberater für Geschäftsführer sind.
- Warum technologische Modernisierung ohne Systemverständnis Ihr größtes Geschäftsrisiko ist
- Der blinde Fleck vieler Geschäftsführer: Sie haften – aber Ihre Organisation arbeitet dagegen
- Geiz ist geil? Warum uns "billig" teuer zu stehen kommt – und wo die wahren Chancen für Unternehmer liegen.
- Sanierung oder Neubau von Legacy-Systemen
- Kritische IT-Projekte stabilisieren Ursachenklaerung Klarheit (4WT-Seite)
- Alternative zur Entsendung nach Thailand für mittelständische Unternehmen: Interim‑Management & bevollmächtigte deutsche Unternehmensvertretung in Thailand (4WT-Seite)
- Benötigen Sie Hilfe bei eine Firmenvertretung oder ein Repräsentanzbüro für Ihr Unternehmen in Thailand?
Oder sind Sie auf der Suche nach einem Captive Offshoring-Büro in Bangkok? (4WT-Seite)
- Expansion nach Südostasien: Offshore-Consulting für Deutschland – Fokus Thailand (4WT-Seite)
- Ihr strategischer deutscher Partner in Thailand / Südostasien:
Unternehmensberatung, Firmengründung, Niederlassungsgründung, Produktionsverlagerung, Firmenvertretung, Repräsentanz, Controlling, Interim-Management bis zur Unternehmensbeteiligung. (4WT-Seite)
- Wie starten Sie eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Ingenieurbüro 4WT in Bangkok? (4WT-Seite)
- Fragen, die sich Unternehmer wirklich stellen (4WT-Seite)
- Wenn Technik nicht das eigentliche Problem ist – eine Erfahrung aus einem Großprojekt
- Warum gerade jetzt – in der Rezession – der richtige Zeitpunkt ist, IT aufzuräumen
- Teil 3: Das Nervensystem eines Unternehmens
- Teil 2: Das Nervensystem eines Unternehmens
- Teil 1: Das Nervensystem eines Unternehmens
- Wenn Führung das System nicht mehr versteht
- Der Jahreswechsel als Zäsur
- Weiterwursteln oder Abschreiben?
- Warum Ihr IT-Projekt Geld verbrennt – und warum mehr Entwickler das Feuer nur anfachen.
- Wenn IT-Projekte scheitern, ist selten die Technik das eigentliche Problem.
- Warum IT-Probleme selten IT-Probleme sind.
- Urheberrecht in der IT: Was Unternehmen und Freelancer oft falsch machen.
- Warum Ihre Firma Krisen nie gelernt hat, und wie Sie das in 12 Monaten reparieren.
- Hat unsere Gesellschaft ein Verfallsdatum?
- Warum ein Geschäftsführer 4WT beauftragen sollte – und warum viele es erst merken, wenn es eigentlich zu spät ist.
- Warum 4WT bewusst keine Managersprache spricht?
- 🇩🇪 Echte deutsche Unternehmer in Thailand – Realität, Risiko und ein gangbarer Weg.
- Definitionssache: Was Professionalität für das Ingenieurbüro 4WT wirklich bedeutet.
- Die Ingenieure der Übergangszeit
- Wie Unternehmen heute den Wert ihrer älteren Mitarbeiter verkennen – und damit den Geist des Ingenieurwesens verlieren
- Unternehmensberatung neu gedacht – zwischen Theorie, Verantwortung und Praxis.
- Warum deutsche Projekte in Thailand oft scheitern – und wie sie erfolgreich werden können.
- Prognose einer KI: Mindestens 50 bis 60 Jahre bis zur substanziellen Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland
- 5 überraschende Lektionen von einem deutschen IT-Ingenieurbüro in Bangkok
- Deutschland steckt fest. Thailand bietet Chancen.
Haben Sie schon einen Plan B? - Von der DDR bis zur KI: Warum das vergessene ORZ-Prinzip (Organisation + Rechenzentrum) heute aktueller denn je ist.
- Der 4WT Krisenkompass für Unternehmen 2025+ Teil 1
- IT-Resilienz 2025: Warum jetzt der richtige Moment ist, die digitale Infrastruktur krisenfest zu machen
- Porträt: Uwe Richter – Der antizyklische Unternehmer
- Warum deutsche Unternehmen an zu viel Verwaltung und zu wenig Mut scheitern
- Klartext für CEOs und GFs in Deutschland!
- Vom Unternehmer zum Verwalter? Warum viele Geschäftsführer den Anschluss verlieren – und was sich ändern muss.
- Vergleich erfahrener IT-Freelancer mit 20–30 Jahren Berufserfahrung gegenüber jungen, fest angestellten Hochschulabsolventen in Webentwicklungsprojekten
- Die unterschätzte Notwendigkeit: Qualitätssicherung als Erfolgsfaktor in IT-Projekten – Ein Erfahrungsbericht aus 35 Jahren
In welchem Blogartikel kommt folgendes Suchwort vor?
Video-Zusammenfassung dieser Seite:
Copyright Ingenieurbüro 4WT, 4wt-it.com
Weiterführende Links
Dieser Beitrag spiegelt die Perspektive von 4WT wider – einem Ingenieurbüro, das Unternehmen dabei unterstützt, komplexe IT-Landschaften wieder beherrschbar zu machen.
Unser Fokus liegt nicht auf schnellen Lösungen oder Methodentrends, sondern auf Klarheit, Entscheidungsfähigkeit und verantwortungsvoller Automatisierung an der Schnittstelle zwischen Unternehmertum und IT.


Wir verstehen IT nicht als Selbstzweck, sondern als Nervensystem des Unternehmens.